Vom Azubi zur Bundesministerin

Sie absolvierte zwei betriebliche Ausbildungen und studierte Betriebswirtschaft – heute ist sie Bundesbildungsministerin. Im Interview erzählt Anja Karliczek von ihren persönlichen Erfahrungen als Auszubildende.

Ende August besuchte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek einen Tourstopp von „Du + Deine Ausbildung = Praktisch unschlagbar!“ in Lengerich.

Ende August besuchte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek einen Tourstopp von „Du + Deine Ausbildung = Praktisch unschlagbar!“ in Lengerich.

Frau Karliczek, die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler will nach dem Abitur studieren. Sie selbst haben sich nach Ihrem Abitur für eine Ausbildung und nicht für ein Studium entschieden. Was hat Sie damals zu dieser Entscheidung bewogen?

In meinem elterlichen Betrieb wurde gemeinsam angepackt und jeder eingebunden. Ich habe die vielfältigen Tätigkeiten eines Hotelbetriebs also von Kindesbeinen an kennengelernt. So war es auch schon früh mein Wunsch, eine Ausbildung zu machen und praxisorientiert weiter zu lernen. Da mich in der Schule unter anderem Sozialwissenschaften und Mathematik interessierten, entschied ich mich zu einer Ausbildung als Bankkauffrau.

Nach dem Abschluss als Bankkaufrau haben Sie noch eine Ausbildung zur Hotelfachfrau begonnen. Wie kam es dazu?

Relativ schnell nach Beginn meiner Ausbildung als Bankkauffrau wusste ich, dass ich nicht für immer in einer Bank arbeiten wollte – obwohl mich das Finanzwesen sehr interessierte. Die Ausbildung abzuschließen war für mich aber selbstverständlich. Als das soweit war, kam eine Zeit, in der ich meine Familie im Hotelbetrieb unterstützen wollte. Um das mit dem notwendigen Fachwissen tun zu können, habe ich eine Ausbildung zur Hotelfachfrau angeschlossen.

Wenn Sie an die Zeit als Auszubildende zurückdenken: Was hat Sie besonders beeindruckt und geprägt?

Die praktische Ausbildung hatte in der Bank einen hohen Stellenwert und wurde stets mit internen Weiterbildungsmodulen neben der Berufsschule gestärkt. Das kollegiale Miteinander von jüngeren und älteren Kollegen hat mir gefallen und vor allem Teil eines Teams zu sein. Im Rückblick hat mir meine Ausbildungszeit viel für das Leben mit auf den Weg gegeben. Davon profitiere ich heute noch.

Später haben Sie noch die Ausbildereignungsprüfung abgelegt. Warum war Ihnen das wichtig und was haben Sie selbst Ihren Auszubildenden mit auf den Weg gegeben?

Ausbilderin zu sein, ist eine Herzenssache. Meine abgeschlossene Ausbildung im Hotelfach und die Ausbildereignung ermöglichten es mir schnell, in diesem Bereich auszubilden. Meine Erfahrungen und mein Wissen mit Auszubildenden zu teilen und den Auszubildenden in unserem Familienbetrieb positive Lernerfahrungen zu ermöglichen, hat mir immer schon Spaß gemacht. Ausbilder sind Bezugspersonen für ihre Auszubildenden. Wer hier kompetent ist und persönliches Geschick hat, kann Jugendliche motivieren, sich immer wieder neuen Aufgaben und Herausforderungen zu stellen. Und nicht nur das: Ausbilder sind bei Fragen und Problemen für einen da. Das hilft ungemein!

Als Bundesbildungsministerin werben Sie für die Chancen einer dualen Ausbildung für die eigene Karriere. Welche beruflichen Vorteile hatten Sie selbst durch Ihre Ausbildungen?

Während meiner Ausbildung habe ich viel Lebenserfahrung gesammelt. Ich konnte schnell Führungsverantwortung übernehmen sowie eigenständig Arbeiten durchführen und organisieren. Sich immer wieder auf andere Menschen einzustellen, ihre Bedürfnisse zu kennen, hat mich nicht nur beruflich, sondern auch persönlich bereichert. Nicht zuletzt kam mir die Praxis auch bei meinem Studium der Betriebswissenschaften zugute.

Sie setzen sich insbesondere auch in Ihrer politischen Arbeit für die duale Ausbildung ein. Welche Ziele sind Ihnen hierbei besonders wichtig?

Bildungspolitik ist für mich eines der zentralen Politikfelder, mit denen wir in Deutschland auf die zukünftigen gesellschaftlichen und technischen Änderungen reagieren und vor allem auch diese gestalten können. Wir brauchen beides: Fachkräfte mit Studium und Fachkräfte mit einer beruflichen Ausbildung – alle sollen aber einen Bildungsweg gehen können, der ihren Talenten und Fähigkeiten entspricht. Ich möchte, dass Jugendliche bei dieser Entscheidung möglichst gut unterstützt werden. Dafür wollen wir den Übergang von Schule in Ausbildung oder Studium vereinfachen oder auch den Wechsel zwischen den Bildungsgängen – wo es hilfreich ist – ermöglichen. Dass sich ein Wechsel lohnt und welche Chancen sich dadurch eröffnen, habe ich mit dem Beginn meines Studiums erkannt.

Attraktiv sind Bildungswege dann, wenn sie dem Puls der Zeit entsprechen. Dafür müssen wir die berufliche Bildung fit machen für die Anforderungen der Digitalisierung. In den kommenden Jahren werden wir daher mit dem Digitalpakt Schule und der Ausbildungsoffensive für berufliche Schulen mit digitalen Medien hier einiges bewirken.

Beruflich und privat lebensbegleitend zu lernen, ist zu einer Notwendigkeit geworden. Man kann auch sagen, es wird zu einer Königsdisziplin. Wir als Politiker sind gefragt, die Aus- und Weiterbildung an die Geschwindigkeit des modernen Arbeitens anzupassen. Denn eines ist sicher: Die neuen Entwicklungen müssen von den Menschen verstanden und geschätzt werden. Nur dann werden die Bürgerinnen und Bürger bereit sein, den Weg mitzugehen und die Herausforderungen, vor denen wir stehen, mitzugehen.