Steuerberater werden – ganz ohne Studium!

Saied-Omid Kulaly kam vor 18 Jahren aus Afghanistan und ist heute Steuerberater in Marburg. Sein Einstieg in diesen Beruf gelang ihm über eine duale Ausbildung. 

Steuerberater bei der Arbeit

 Foto: BMBF / Andy Alexander

Zahlen haben ihn schon immer interessiert. Noch bevor er in die Schule kam, wünschte sich Saied-Omid Kulaly einen Taschenrechner zum Geburtstag. „Als meine Mitschüler das Einmaleins lernten, habe ich Potenzen und Wurzeln berechnet“, sagt der heute 34-Jährige mit einem Schmunzeln. Seine Begeisterung für Mathematik machte Kulaly zum Beruf. Er wurde Steuerberater. „Es ist ein Beruf, der nie langweilig wird, weil sich die Gesetze immer ändern“, schwärmt er.

Der Weg dahin war kurvenreich: Mit 16 Jahren kam Kulaly 1998 mit seinen Eltern aus Kabul nach Hessen. Obwohl er bei seiner Ankunft kein Wort Deutsch sprach, legte er wenige Jahre später ein Einser-Abitur ab. Doch seinen Wunsch Jura zu studieren, um anschließend Steuerberater zu werden, konnte er sich nicht erfüllen. Sein Aufenthaltsstatus erlaubte ihm weder BAföG zu beantragen noch neben dem Studium zu arbeiten. „Zwei Jahre habe ich mit den Behörden gerungen“, so Kulaly.

Vom Steuerfachangestellten über den Steuerfachwirt zum Steuerberater

Sein Ziel weiterhin vor Augen begann er eine duale Ausbildung als Steuerfachangestellter und qualifizierte sich anschließend mithilfe des Weiterbildungsstipendiums des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zum Steuerfachwirt. 2011 schloss er ab – als Landesbester. „Obwohl ich die Altersgrenze überschritten hatte, erhielt ich das Stipendium wegen meiner besonderen Geschichte“, erzählt er. Die Weiterbildung zum Steuerfachwirt und die mittlerweile erreichte Berufserfahrung bildeten zusammen die Voraussetzung für seinen nächsten Schritt: die Steuerberaterprüfung, die er im Oktober 2015 absolvierte. Im April 2016 nahm ihn die Steuerberaterkammer Hessen als 8500. Mitglied auf. Heute ist er Partner der Kanzlei „Kusenberg Kulaly Jacob“. Bilanzbuchhaltung, Lohnabwicklung, Steuererklärungen und Beratung sind jetzt sein Alltag. Vor allem mittelständische Unternehmen sind Klienten der Kanzlei. Aber auch Einzelunternehmer und Freiberufler suchen dort Rat und Unterstützung. „Heute war zum Beispiel eine Mandantin bei mir, die sich kürzlich als Psychotherapeutin selbstständig gemacht hat“, berichtet Kulaly. Mit ihr besprach er, welche Anschaffungen in diesem Jahr sinnvoll sind und welche sie besser im nächsten Jahr tätigen sollte. „Fingerspitzengefühl ist das, was zählt.“ Für jeden Mandanten sei sein eigenes Anliegen das wichtigste – „egal, ob jemand Ingenieur ist, der im Home-Office Zeichnungen für Auftraggeber anfertigt, oder ob er ein Unternehmen mit 800 Mitarbeitern hat.“

Viele berufliche Optionen

Kulalys Spezialität sind komplexe Personengesellschaften. Sie berät er am liebsten, so zum Beispiel einen Bauträgerkonzern mit 19 Gesellschaften. Solche Fälle kosten Zeit. „Je komplexer, schwieriger und größer das Haftungsrisiko ist, desto länger dauert es, Lösungen zu entwickeln.“ Ist der Fall anspruchsvoll, kann es passieren, dass ein Team aus drei Steuerberatern sich bis zu zehnmal für mehrere Stunden zusammensetzt.

Der junge Mann ist froh, dass er den Berufsweg über die berufliche Aus- und Weiterbildung gewählt hat. „Das hatte definitiv Vorteile. Ich habe sieben Jahre früher angefangen, mein eigenes Geld zu verdienen und Berufserfahrung zu sammeln.“ Bei der Steuerberaterprüfung betrug die Durchfallquote in diesem Jahr mehr als 50 Prozent.

Den Traum vom Jurastudium hat er noch nicht ganz aufgegeben. „Darüber denke ich nach. Mit Familie und Vollzeitberuf ist ein Studium jedoch zeitlich anspruchsvoll.“ Vor großen Aufgaben hat der junge Steuerberater sich aber noch nie gescheut und er weiß, dass besonders Durchhaltevermögen eine Qualität ist, die sich auszahlt. „Die Geduldigen kommen zu den besseren Nüssen“, sagt er und zitiert damit ein Sprichwort aus seiner alten Heimat. So oder so. Ihm stehen nun sämtliche Wege offen.

Über die vielfältigen Möglichkeiten und Perspektiven der beruflichen Bildung informiert das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Kampagne „Du + Deine Ausbildung = Praktisch unschlagbar!“ unter www.praktisch-unschlagbar.de.

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