Röntgenblick für Talente

Ute Michaelis hilft seit 20 Jahren Jugendlichen bei der Berufswahl. Auch auf der Infotour von „Du und Deine Ausbildung = Praktisch unschlagbar“ kannst Du sie treffen. Im Interview erzählt sie, mit welchen Fragen und Missverständnissen sie zu tun hat.

Ute Michaelis berät eine Besucherin bei der Infotour.

Foto: BMBF / Marion Hunger

Frau Michaelis, wie sind Sie dazu gekommen, Jugendliche bei der Berufswahl zu beraten?

Das fing damit an, dass meine eigene Berufsorientierung schwierig war: Eigentlich wollte ich Kapitän werden, aber das war für Frauen damals ein No-Go. Mein Vater wollte, dass ich studiere, aber ich wollte nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen. Und als der Berufsberater mir empfahl, eine Ausbildung zur Industriekauffrau zu machen, dachte ich: Naja, da hat jemand nicht zugehört! Als ich dann Mitte der 90er Jahre selbst angefangen habe, Jugendliche auf den Beruf vorzubereiten, habe ich schnell gemerkt: Das ist mein Ding! 

Wie viele Jugendliche haben Sie seitdem beraten?

Das waren bestimmt mehrere Tausende. Allein in diesem Jahr habe ich in Workshops, in Einzelgesprächen und beim Speedcoaching 400 bis 500 Jugendliche beraten.

Welche Fragen kommen in den Beratungsgesprächen besonders häufig?

Viele Jugendliche müssen erst einmal herausfinden, was sie überhaupt können. Oft höre ich „Keine Ahnung“. Bei der Berufsorientierung hat sich in den letzten 17 Jahren zum Glück vieles erheblich verbessert. Häufig liegt der Fokus der Jugendlichen aber noch zu stark auf dem, was sie nicht können.

Was machen Sie, um die Fähigkeiten zu entdecken?

Ich frage: Welche Rolle hast Du in Deinem Freundeskreis; bist Du vielleicht der, der immer alles organisiert? Was machst Du in Deiner Freizeit? Was regt Dich auf? Warum spielst Du gerade dieses Computerspiel?

Nach den Computerspielen fragen Sie auch?

Da kann man eine Menge lernen! Ein junger Mann war zum Beispiel auf einer internationalen Rangliste für ein Spiel, bei dem man viele Prozesse steuern und koordinieren muss. Heute ist er als Kaufmann für Spedition und Logistikdienstleistung sehr zufrieden. Meistens reichen in der Beratung 20 Minuten, damit die Jugendlichen erkennen, dass sie individuelle Fähigkeiten und Talente haben, die sie im Beruf einsetzen können.

Und dann suchen Sie zusammen die passende Ausbildung raus?

Wenn ich spüre, dass jemand so einen richtigen Forscherdrang hat und den Dingen auf den Grund gehen will, lege ich ihm oder ihr ein Studium nahe. So sind aber die wenigsten. Neulich habe ich in einer Klasse eine Umfrage gemacht und 80 Prozent wollten nach der Schule studieren. Als ich gefragt habe, wer gerne und viel liest, wer Texte und Zusammenfassungen schreibt, da gingen die Hände runter. Demgegenüber bietet eine duale Ausbildung eine perfekte Mischung von Praxis und Theorie, die für viele sinnvoller sein kann.

Woher kommen Vorbehalte und Vorurteile gegenüber der Ausbildung?

Der größte Einflussfaktor sind die Eltern. Sie leben nicht nur Rollenbilder vor, sondern beeinflussen auch die Schul- und Berufswahl. Sicheres Einkommen ist ein ganz großes Thema. Es ist kaum verbreitet, dass die Perspektiven mit Ausbildung sehr gut sind. Ich weise dann gerne auf Zahlen zur Arbeitslosigkeit hin: Sicher ist sie bei Akademikerinnen und Akademikern mit 2,5 Prozent sehr gering. Aber wenn man sich nach der Ausbildung weiterbildet, zum Meister oder adäquat zur Fachwirtin oder Technikerin, ist das Risiko, keine Arbeit zu finden, sogar noch geringer. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 1,8 Prozent. Dass Aus- und Weiterbildung die Zukunft mittlerweile so gut sichern, muss sich auch bei vielen Vertrauenspersonen der Jugendlichen noch stärker herumsprechen.

Gibt es noch andere Wissenslücken oder vielleicht Missverständnisse?

Mit einer Ausbildung kann man unter bestimmten Voraussetzungen den Schulabschluss, zum Beispiel einen Hauptschulabschluss, upgraden, das wissen aber leider auch viele Lehrende immer noch nicht. Die Voraussetzungen hierfür sind je nach Bundesland verschieden. Und der DQR ist noch viel zu unbekannt.

Was ist das: der DQR?

Den Deutschen Qualifikationsrahmen gibt es seit 2013. Er zeigt zum Beispiel, dass der Fortbildungsabschluss eines Industriemechanikers zum Industriemeister Metall, als gleichwertig mit einem Abschluss eines Bachelors aus dem Bereich Maschinenbau angesehen wird, häufig auch finanziell gesehen. Diese Beispiele verwende ich gern, wenn ich in Schulen berate.

Lassen sich Jugendliche nicht eher von Social Media inspirieren als von solchen Dokumenten?

Ja, von den neuen Medien und vom Fernsehen! Viele wollen Youtuber werden so wie ihre Vorbilder. Dadurch verändern sich übrigens auch die Geschlechterrollen, Jungs sprechen offen über ihr Interesse an Mode. Dass Mädchen neuerdings viel häufiger zur Polizei wollen, könnte mit der Serie SOKO Leipzig zusammenzuhängen, in der eine bekannte Youtuberin mitspielt.

Das klingt jetzt recht zielstrebig und entschlossen. Vorhin haben Sie aber gesagt, dass viele Jugendliche sich und ihre Perspektiven unterschätzen. Spüren Sie oft Druck oder Zukunftsangst?

Ja. Viele, die nach einem Haupt- oder Realschulabschluss lieber weiter zur Schule gehen wollen, haben meiner Erfahrung nach oft die Sorge, dass sie noch nicht bereit sind für das Leben da draußen – auch nicht, wenn sie schon Anfang 20 sind. Und dann ist da die Angst, sich falsch zu entscheiden, sich festzulegen und dies sein Leben lang zu bereuen. Das zieht sich durch alle Gruppen von Jugendlichen, die ich berate. 

Und wie lindern Sie diese Angst vor der falschen Entscheidung?

Ich mache klar, dass diese Vorstellung, lebenslang in einem Beruf tätig zu sein, häufig nicht mehr der Realität entspricht. Ich zeige den Schülern und Schülerinnen Stellenanzeigen, auf die man sich mit verschiedenen Ausbildungen oder Studienabschlüssen bewerben kann. Ebenso verweise ich auf die vielen Weiterbildungsmöglichkeiten. Niemand kann 20 Jahre vorausplanen. Wir müssen wandelbar sein, lernen lebenslang und sammeln Erfahrungen in Bereichen, die uns interessieren.

Frau Michaelis, vielen Dank für das Gespräch!